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Experimenteller Lehmbau

Potentiale von Hands-on-Erfahrungen für Lehre und Forschung

Workshop-Leitung: Ao.Univ. Prof. DI Dr. Andrea Rieger-Jandl
Team: DI Ferenc Zamolyi
Projektform: 1:1 Lehmbauworkshop, experimentelles Bauen
Projektpartner: Waldökozentrum Sopron
Dauer: 2013 – 2016
Aus dem Projekt hervorgegangene Diplomarbeit:
Zimmermann, Nicole, 2015: Lehm als traditionell überlieferter Baustoff. Analyse, Vergleich und Anwendung verschiedener Bautechniken im Raum Österreich-Ungarn, TU Wien (Download: http://repositum.tuwien.ac.at/1642422)
Film: https://vimeo.com/77064909

Zwischen 2013 und 2016 veranstalteten wir im Nachbarland Ungarn, am Gelände eines Waldökozentrums nahe Sopron, jährlich experimentelle Lehmbau-Workshops mit ArchitekturstudentInnen. Gerade im Lehmbau kommt der Hands-on-Erfahrung eine besondere Bedeutung zu, um die Vor- und Nachteile sowie die Besonderheiten des Materials richtig einschätzen zu können.

Gerade im Lehmbau ist es unverantwortlich bis gefährlich, nur die theoretischen Daten und Fakten über den Baustoff zu vermitteln. Der Umgang mit Lehm ist ein Erfahrungsprozess. Die Konsistenz, die vielfältigen Verarbeitungsmöglichkeiten und die speziellen haptischen Eigenschaften des Materials verlangen nach einem zutiefst praxisnahen Zugang. Erst die eigenen Hands-on Erfahrungen, Trial-and-Error-Methoden beim Mischen des Materials sowie das Ausprobieren diverser Lehmbautechniken vermitteln Erkenntnisse darüber, inwieweit Lehm sinnvoll eingesetzt werden kann. Diese Erfahrung steht auch im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Entwurfsprozess: Einen Lehmbau zu entwerfen, ohne je mit Lehm gearbeitet zu haben, ist wie ein Gericht zu kochen, dessen Zutaten man nie gekostet hat. Der Entwurf eines Lehmhauses entwickelt sich Hand in Hand mit den Möglichkeiten, die der Baustoff Lehm zulässt.

Ziel der 1:1 Workshops war es daher, den Studierenden einerseits die verschiedenen Lehmbautechniken in praktischer Form nahe zu bringen und andererseits durch das Experimentieren mit dem Material neue Erkenntnisse über das Verhalten des Baustoffes Lehm unter definierten Bedingungen zu erhalten.

Aufgrund seiner positiven Energiebilanz und der ausgezeichneten ökologischen Eigenschaften hat Lehm als Baustoff seit den 1990er Jahren neue Aufmerksamkeit erfahren. Die Ausbildungsmöglichkeiten auf diesem Gebiet sind nach wie vor beschränkt und es ist von zentraler Bedeutung, den Lehmbau sowohl in theoretischer als auch praktischer Hinsicht im Lehrplan der Architekturfakultäten zu verankern bzw. Möglichkeiten für experimentelle Forschungstätigkeiten zu schaffen.

Lehm verfügt, je nach Entnahmestelle, über sehr unterschiedliche Eigenschaften und ist daher als Baustoff nur eingeschränkt normierbar (es sei denn es handelt sich um spezielle, im Handel erhältliche Zusammensetzungen). Selbst wenn der Lehm auf seine Eigenschaften hin analysiert wird, sind die gewonnenen Laborwerte für die praktische Anwendung nur bedingt von Nutzen. Vor Ort entnommener Lehm kann in erster Linie durch Erfahrung bzw. durch einen experimentellen Zugang mittels der Herstellung verschiedener Probekörper zu optimiertem Baulehm aufbereitet werden.

Die Wissensvermittlung an die Studierenden fand direkt am Bauplatz statt und setzte folgende Schwerpunkte:

– Geologische Grundlagen und Zusammensetzung von Lehm

– Materialeigenschaften: Bestimmung und Kategorisierung unterschiedlicher Lehme durch einfache Tests: Sieblinie, Kugelfallprobe, Achterlingsprobe

– Aufbereitung von Baulehm: Veränderung der Eigenschaften durch Zugschlagstoffe wie Stroh, Kalk, Wasserglas, Kasein, Leinöl, Dung etc. und Untersuchung der Auswirkungen auf die Druckfestigkeit, Bindekraft, Abriebfestigkeit, Feuchtigkeitsresistenz etc.

– Historische Lehmbautechniken: Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile diverser Bautechniken wie Stampflehm, Wellerlehm, Lehmziegel, Lehmwuzel (Deutschland: Lehmpatzen), verschiedene Leichtlehme, Wickelstaken, Geflecht mit Lehmbewurf, Lehmputze etc.

– Wirtschaftlichkeit: Abschätzen von Bauzeit und Baukosten

Vorwiegendes Anliegen der Lehmbau-Workshops war es, historische Lehmbautechniken in Österreich und den angrenzenden östlichen Nachbarländern wie Ungarn, Tschechien und der Slowakei anhand von 1:1 Modellen experimentell nachzustellen und daraus wichtige Erkenntnisse zu gewinnen, wie die teils nur mehr rudimentär erhaltenen traditionellen Lehmbauten tatsächlich errichtet wurden.

Das Wissen um den Lehmbau, das in weiten Teilen Österreichs noch bis ins ausgehende 19. Jahrhundert weit verbreitet war und von Generation zu Generation weitergegeben wurde, ist über das 20. Jahrhundert hinweg verloren gegangen. Da es kaum schriftliche Aufzeichnungen über historische Lehmbauweisen gibt, gilt es, sich diese Erfahrungen neu anzueignen. Daher wurde beim 1:1 Lehmbau-Workshop auch weitgehend auf die Zuhilfenahme moderner Werkzeuge und Geräte verzichtet. Die Palette historischer Werkzeuge und Hilfsmittel reicht von hölzernen Ziegelmodeln über selbstgefertigte Holzstampfer und Wellerhölzer bis hin zu Macheten für die Zerkleinerung des Strohs.

Die verschiedenen Bauweisen wurden über einen längeren Zeitraum hinweg analysiert und beobachtet, um neue Erkenntnisse über Belastbarkeit, Haltbarkeit, Witterungsbeständigkeit etc. des Materials im Zusammenhang mit den diversen Bautechniken gewinnen zu können. Das so gewonnene Wissen ist nicht nur für die Erhaltung des historischen Lehmbau-Bestandes in Österreich und Europa in Zukunft gefragt, auch für die Entwicklung neuer ökologischer Baustoffe im Zusammenhang mit Lehm kann auf die jahrhundertealten Erfahrungen dieser Traditionen aufgebaut werden.

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